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Content is King – Mit Inhalten auf Expansionskurs

Die Märkte für Entertainment-Elektronik und für Entertainment-Content verbinden sich immer enger. Nahmen sich einst viele Branchen-Mitspieler jeweils gegenseitig als Konkurrenz wahr, herrscht heute viel Einigkeit. Eine kurze Übersicht mit vielen Hintergrund-Informationen zum Investitions-Deal-Volumen der letzten Jahre in der Boom-Branche Content.

“Content is King.” – Inhalt ist alles. Ohne attraktive Inhalte drohen Geräte oder Plattformen in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden – egal wie innovativ deren technologischer Ansatz ist. Industrien und Märkte haben diese Frage international in den letzten vierzig, fünfzig Jahren mehrfach klar beantwortet.

Eigentlich war diese Sachlage lange klar. Bis mit dem Aufstieg des Internets auch die Diskussion “Inhalt oder Gerät – Was dominiert?” noch einmal neu befeuert wurde. Insbesondere in den früheren Tagen des WorldWideWeb (zunächst jene Zeit mit “New Economy” Firmen wie bspw. AOL, später für einige Zeit auch Google oder Facebook) gab es viele mehr oder wenig elegante Versuche die Content-Industrie zu übervorteilen.

Die Erfolge der Content-Industrie der Jetzt-Zeit sind in diesem Zusammenhang vor dem Hintergrund der Branchen-Historie wohl am besten zu verstehen:

Gerade US-amerikanische Firmen hatten das Thema “Content und seine Verteilungs-Plattformen” eigentlich ursprünglich genau richtig angepackt, indem sie zugleich auf Innovation bei den Geräten sowie auch auf attraktive Content-Angebote setzten. Firmen wie bspw. RCA (“Radio Corporation of America”, gegründet 1919) oder Columbia (gegründet 1889) produzierten Abspielgeräte wie Grammophone und später Radios oder Schallplattenspieler. Und nahmen zeitgleich auch KünstlerInnen für Ton-Aufnahmen unter Vertrag, die dann nach Vervielfältigung mittels dieser Geräte von der Kundschaft vor Ort, bspw. zu Haus, wiedergegeben werden konnten. Wer dabei die attraktivsten Inhalte anbieten konnte hatte auch beim Verkauf der Geräte einen Wettbewerbsvorteil. Insbesondere wenn man Patente auf ein bestimmtes Wiedergabesystem inne hatte.

Einen der ganz großen Siege der gesamten Nachkriegszeit für ein bestimmtes Wiedergabeformat, das dank relevanter Inhaltsangebote gewann, landete der japanische Elektronikgeräte-Hersteller JVC (The Japan Victor Company). Der Firma gelang es das von ihr entwickelte Home-Video-Format VHS sowohl gegen das vom Erzrivalen SONY entwickelte System Betamax ALS AUCH gegen das von den damals ebenso starken Mitbewerbern Philips und Grundig gemeinsam entwickelte Video 2000 Format auf dem gesamten Weltmarkt als Standard für Home-Video durchzusetzen. JVC entschied dieses später “Videotape Format War” getaufte, fast zehn Jahre andauernde Kräftemessen durch aktives Einbinden der damals den Film-Weltmarkt beherrschenden Hollywood-Filmstudios in die technologische Weiterentwicklung ihrer Video-Kassetten-Abspielgeräte. Die Studios zeigten JVC auf, dass der Verkauf von Filmen auf Video-Kassetten ein neuer, attraktiver Markt jenseits von Kino und TV sein konnte. JVC half den Studios mit der schnellen Entwicklung von Video-Playern, welche Kassetten mit genug Spieldauer und Massenmarkt tauglichen Preisen bieten konnten. Summa summarum gewann das VHS-Format also, weil es zum richtigen Zeitpunkt mit dem attraktiveren Content verbunden war.

VHS Player
Eine letze Erinnerung. Anders als beispielsweise bei Vinyl-Schallplatten scheint der VHS-Kassette für die Zukunft allenfalls ein Überleben im Museum sicher zu sein. — Zu den Bildern: Just in dem Moment als dieser Blogpost entstand gaben meine Nachbarn dieses Gerät zum Müll. Ich konnte nicht widerstehen … Selbst zwei Tage später hatte sich niemand gefunden der dieses Gerät mitnehmen wollte. (Fotos: © 2020 Sascha Seifert)

Zumindest SONY und Philips nahmen die von JVC erteilte Lektion ernst. Walkman-Erfinder SONY erwarb bspw. 1988 die renommierte Plattenfirma CBS Records und 1989 die ebenso renommierten Columbia Pictures Filmstudios von der US-amerikanischen CBS Gruppe. Dank weiterer Zukäufe und umgetauft in Sony Music bzw. die Sony Pictures Studios, wurden damit zwei international unumgängliche Market Player für die Content-Produktion geschaffen und unter die eigene Kontrolle gebracht. Auch einer der Gründe, weshalb Philips gut beraten gewesen war, sich bei der Entwicklung des ab den 1990ern für den Endkunden-Musikvertrieb überlebensrelevanten CD-Formats mit SONY in ein Boot zu setzen.

Als nächstes war es der geniale Steve Jobs, der für seine Firma APPLE Computer die SONY-Content-Strategie mit viel Sinn für Innovation kopierte und 2001 mit dem ersten Apple iPod die Landschaft der Musikindustrie für immer veränderte.

Womit wir direkt in die Liste der Deals einsteigen, die in den letzten Jahren vom Wunsch nach Kontrolle über attraktive Content-Angebote zwecks Vermarktung von Hard- und Software motiviert waren bzw. sind. Bspw. ist die gesamte Erfolgsgeschichte von Apple seit Anfang der 2000er nicht nur eng mit Content verbunden, sondern direkt mit Content verheiratet. Der iPod wurde zu DER Generationen prägenden Innovation beim Musikkonsum. Mit dem iTunes-Store schuf Apple bspw. dazu das maßgebliche Online-Kaufangebot für Musik und bald darauf auch für Film- und Video-Inhalte. Apple Music fungiert heute als hauseigener Musik-Streaming-Dienst der bspw. im Wettbewerb mit Spotify und Amazon steht. Mit der Apple TV Box stieg Apple ab 2007 dann auch noch massiver ins Bewegtbild-Geschäft ein. Mit AppleTV+ lancierte die Firma in 2019 eine Plattform, auf der nun exklusiv produzierte oder eingekaufte Inhalte unter der Marke Apple TV vermarktet werden.

Zudem erwarb Apple die Kopfhörer-/Mobile-Speaker-Marke “Beats by Dre” in 2014 für insgesamt 3 Milliarden USD – inklusive der Integration der beiden Beats-Gründer und Musik-Ikonen Dr. Dre und Jimmy Iovine in den Konzern. In 2017 allokierte das Unternehmen auch 400 Mio USD in den Einkauf von Shazam, einer der weltweit bekanntesten Musikerkennungs-Apps überhaupt. (Meine Idee für ein “Shazam für Film” habe ich hier aufgeschrieben (englische Sprache).)

iTunes Geschenkkarte mit Zugang in die Welt von Apple Music
Ehre wem Ehre gebührt. — Als erstem Anbieter von digitalen Musikformaten überhaupt gelang es Steve Jobs alle Songrechte des Beatles-Kataloges für iTunes zu akquirieren. Bemerkenswert auch insofern, als sich die Firma Apple und die Plattenfirma der Beatles, Apple Records, zuvor jahrzehntelang wegen Namensrechten immer wieder massiv gestritten hatten. (Fotos: © 2020 Sascha Seifert)

Sicherlich die beiden größten Beiträge zur Wiedervereinigung von Technologie und Content dürften in den letzten Jahren die Firmen Spotify und Netflix geleistet haben. Mit aktuell global ca. 286 Millionen (Spotify) bzw. ca. 172 Millionen (Netflix) Nutzer-Konten haben die beiden Firmen weltweit relevante Online-Plattformen geschaffen, deren erfolgreiches Geschäftsmodell einzig und allein das Anbieten von Content über das (mobile) Internet ist. Netflix plant in die Zukunft seines Content-Geschäftsmodells allein in 2020 ein Volumen von ca. 17 Milliarden USD zu investieren. Spotify hat erst im Frühjahr 2020 ca. 100 Millionen USD auf den Tisch gelegt um sich The Joe Rogan Experience weltweit exklusiv zu sichern und damit den Markt für Podcasts zu dominieren.

Der Erfolg beider Firmen machte auch dem vorher noch absolut nicht überzeugten Technologie-Plattform-Betreiber klar: Nichts geht wirklich ohne Content. Selbst einstmals knallharte Verfechter einer ausschließlichen User-Generated-Content-Only-Strategie haben inzwischen eingelenkt und integrieren professionelle Content-Deals in ihre Geschäftsmodelle. Bspw. YouTube mit  YouTube Premium. Und auch Facebook experimentiert inzwischen mit im Auftrag für die Plattform exklusiv produziertem Content.

Auch die Online-Handelsplattform Amazon ist global stark im Online-Geschäft mit Content. War sie schon immer. Immerhin war die Firma als Buchhändler gestartet und zunächst nicht zuletzt als DVD- und CD-Händler erfolgreich. Mit den Amazon Studios und zahlreichen Angeboten in den Bereichen Filmstreaming und Musikstreaming gehört Amazon heute zu den relevantesten Content-Anbietern der digitalen Zeit. 2014 erwarb Amazon zudem Twitch, eine Platform die vor allem davon lebt dass SpielerInnen von Computer-Spielen ihre Spielverläufe LIVE online übertragen können. Das Deal-Volumen hier hat knapp unter einer Milliarde USD für die Akquisition gelegen.

Auch SONY war Anfang Juli 2020 wieder aktiv, um den Anschluss in Sachen Content nicht zu verlieren: 250 Mio. USD wurden investiert – für 1,4% der Anteile an den Epic Games-Studios. Epic gehört mit Fortnite aktuell global zu den gefragtesten Themen bei Video-Spielen. Geschätzt wird Fortnite aktuell regelmäßig von ca. 350 Millionen SpielerInnen gespielt. SONY dürfte dieses Investment vor allem getätigt haben, um seine Playstation-Hardware samt zugehöriger Marke zukunftssicherer zu platzieren und sich zumindest präferierten Zugang bspw. zu In-Game-Platzierungen zu verschaffen (wie bspw. Musik-Platzierung, In-Game-Live-Auftritte von KünstlerInnen). Interessant dabei bezüglich der konzerninternen Bedeutung des Investments: SONY hat direkt über  den Hauptkonzern – SONY Corporation – investiert. Und nicht über die SONY-Videogame-Tochter SONY Interactive.

Auch in den Bereichen AR/VR ist Content der ultimative Treiber für große Deal-Volumen: Bereits in 2014 bezahlte Facebook für die Virtual Reality Plattform Oculus zwei Milliarden USD. Zwar hat sich dieses Investment bislang noch nicht wirklich gerechnet, doch durch die Corona-Krise könnte sich 2020 letztlich nun doch endlich der Durchbruch für VR abzeichnen. Zumindest im Pro- bzw. im Semi-Pro-Bereich und auch für das Video-Gaming. Ähnlich wie einst bei Home-Video dürfte hier die Kombi aus preislich günstigeren Consumer-Geräten (hier: VR-Headsets) und attraktiverem Content über kurz oder lang für den kommerziellen Durchbruch sorgen. Zudem: Facebook hat 2019 gute sieben Milliarden USD verdient. Genug Raum also für weitere Investments: in neue Headset-Generationen, in neuen Content. Wie ihn beispielsweise die Ready At Dawn Studios entwickeln, welche im Juni 2020 von Facebook gekauft wurden.

All die heute hier genannten Marktentwicklungen und Deals werden von einer Vielzahl von Deals derzeit weniger bekannter Firmen und Marken begleitet. Diese Deal-Volumen reißen dann zwar idR nicht die Milliarden-Grenze, setzen aber dennoch beachtliche Geldbeträge um beim Kampf um die besten Content-Angebote für möglichst attraktive Angebots-Bundles. So wächst aktuell immer mehr zusammen was schon immer zusammen gehört: Form und Funktion, Inhalt und Emotion.

Hinweis: Viele Sach-Zusammenhänge sind in diesem Blogpost sehr verkürzt zusammengefasst. Nicht für alle Firmen werden alle aktuell zum Thema Content-Angebot jeweils verfügbaren Angebote genannt. Nicht alle Verflechtungen auf dem Content-Markt sind vollständig abgebildet. Dieser Blogpost dient nur dazu eine ungefähre Übersicht über die aktuelle Marktgröße anhand von Investitionsvolumina zu vermitteln. Stand: Juli 2020.